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Zum zweiten Mal findet in diesem Jahr die einzigartige und außergewöhnliche Veranstaltungsreihe „Bist Du deutsch?“ statt- ein Crossover-Event zwischen Popkultur und Politik. Anlässlich des 50. Jahrestages des ersten Abkommens zur Anwerbung und Vermittlung von Arbeitskräften, das die Bundesrepublik Deutschland und Italien unterzeichnet haben, werden im März 2005 die Lebenswirklichkeiten von GASTARBEITERN und deren Kindern im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen.

Durch das immense Wirtschaftswachstum der 50er Jahre war in kurzer Zeit großer Bedarf an vor allem männlicher Arbeitskraft entstanden, die sich die deutsche Politik mittels eines Gastarbeiterprogramms sicherte. Zwei jahrzehntelang wurden ausländische Arbeiter angeworben, ohne dass ein Konzept zum Familiennachzug und generell zu deren Integration entwickelt wurde. Bis heute sind die Integrationskonzepte nur unzureichend, darum ist ein wesentliches Ziel der Veranstaltung, verschiedene Konzepte und Perspektiven vorzustellen und nach konstruktiven Lösungsansätzen zu suchen. BIST DU DEUTSCH? ist eine Veranstaltungsreihe, in der die tatsächliche kulturelle und ethnische Vielfalt der Bundesrepublik Deutschland dargestellt wird. In einem viertägigen Programm wird durch Ausstellungen und Diskussionen, Theater und Konzerte, Kabarett und Comedy, Workshops und Sportveranstaltungen die Lebenswirklichkeit von Menschen unterschiedlicher Herkunft in unserem Lebensraum gezeigt und somit ein Einblick in die theoretische und künstlerische Praxis gewährt.

 

Grusswort des Schirmherrn Cem Özdemir

1955 schloss die Bundesrepublik den ersten Anwerbevertrag mit Italien, weitere mit anderen Ländern folgten. Entgegen der ursprünglichen Erwartungen blieben die „Gastarbeiter“ nicht nur für wenige Jahre - sie holten ihre Angehörigen nach, gründeten Familien, ihre Kinder und Enkelkinder wurden in Deutschland geboren und wuchsen hier auf. Diese Migranten und ihre Nachkommen haben die Kultur dieses Landes verändert, sie vielfältiger und reicher gemacht.
 
Aber nach wie vor gilt, dass die Öffentlichkeit gerade über das Schicksal und das Leben der „ersten Generation“ kaum etwas weiß. Integration und Lebenswirklichkeit lassen sich nicht allein in Zahlen und Statistiken abbilden. Hinter den Tabellen stecken Einzelschicksale und Individuen mit ganz eigenen Erfahrungen. Gerade deshalb sind die Veranstaltungen wie „Bist Du Deutsch?“ so wichtig. Denn sie zeigen, dass die multikulturelle Gesellschaft nicht etwa ein gescheitertes Hirngespinst einiger Gutmenschen ist, sondern es sich dabei vielmehr um die realistische Zustandsbeschreibung Deutschlands handelt. Eine gerechte Gesellschaft muss darauf aus sein,  allen Menschen  gleichberechtigte Chancen zu ermöglichen, nicht zuletzt im Bildungsbereich. Und die von ihren Migranten auch erwarten kann, diese Chancen selbstbewusst einzufordern und dann auch zu nutzen. Deshalb ist es auch folgerichtig, dass die Veranstaltungsreihe „Bist Du Deutsch?“ nicht nur durch Diskussionen, Theater, Konzerte, Workshops und Sportveranstaltungen die Integrationsproblematik thematisiert, sondern auch die Erfahrungen der Migranten in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft in der Ausstellung „Zwischen Kommen und Gehen…und doch Bleiben“ dokumentiert. Ich würde es begrüßen, wenn sich daraus ein weiterer Anstoß ergibt, die bundesdeutsche Geschichte der Migration und Integration dauerhaft in einem Museum darzustellen.
 
Ich wünsche dem Theaterhaus Stuttgart und den anderen involvierten Organisatoren der Veranstaltungsreihe viel Erfolg, zahlreiche Besucher und lebhafte Diskussionen. Und vor allem wünsche ich mir, dass sich künftig mehr Unterstützer für solche Veranstaltungen finden. Nicht nur weil eine solch aufwendige Veranstaltung ohne finanzielle Hilfe von Stiftungen und Sponsoren nicht auf die Beine gestellt werden kann, sondern auch, weil die viel beschworene Integration eine Aufgabe von uns allen ist. Jedenfalls würde ich mich freuen, wenn es gelänge, eine Tradition zu begründen – so dass wir nach 2004 und 2005 auch in den kommenden Jahren ins schöne Stuttgart kommen können, um auf kulturellen, politischen und sportlichen Veranstaltungen gefragt zu werden: „Bist Du deutsch?“.

 

Über Migration sprechen!

Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun

Durch die Flutkatastrophe in Asien sind nicht nur mehr als 220.000 Menschen getötet, sondern auch weit über eine Million obdach- oder heimatlos geworden. Weltweit gibt es längst mehr Umweltflüchtlinge als Kriegsflüchtlinge. Gar nicht abzusehen ist, welche Flüchtlingsströme eine Veränderung des Weltklimas, beispielsweise die Überflutung von Küstengebieten, auslösen könnte. Falls sich aufgrund des Treibhauseffektes der Meereswasserspiegel in Bangladesh um einen Meter erhöhen sollte, rechnen Fachleute mit bis zu 25 Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen müssten. Die Fluchtursachen nehmen zu: kriegerische Auseinandersetzungen, Menschenrechtsverletzungen, wirtschaftliche Probleme, Umweltkatastrophen oder der Anstieg der Weltbevölkerung. 55.000 Menschen verhungern täglich. Das entspricht im Monat der Einwohnerzahl von Hamburg. Hunger tötet mehr Menschen als jeder Krieg der Gegenwart oder jeder Terroranschlag.

Rund 175 Millionen Menschen sind vor allem als Arbeitsmigranten auf der Welt unterwegs. Viele Länder leben geradezu von dem Geld, das diese „Gastarbeiter“ in der Ferne verdienen. Ihre Rücküberweisungen machen jährlich 88 Milliarden US-Dollar aus. Das sind 54 Prozent mehr als die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe, die die Heimatländer weltweit erhalten. Migrations- und Flüchtlingsströme sind nichts anderes als der Ausdruck der wirtschaftlichen , demographischen und politischen Ungleichgleichgewichte und Probleme auf der Welt. Eine von Krisen geschüttelte Welt, eine unstabile und ungerechte Weltordnung wird weiterhin geradezu Migrations- und Flüchtlingsbewegungen produzieren. Wobei wir nicht vergessen sollten, dass uns nur ein Rinnsaal des Weltflüchtlingsproblems erreicht. Die meisten Flüchtlinge suchen nach wie vor innerhalb ihrer eigenen Länder oder in Nachländern Schutz vor Verfolgung oder Terror. Insgesamt gehört das Thema „Migration und Flüchtlinge“ zu den größten Herausforderungen der Menschheit in diesem Jahrhundert. Trotzdem wird immer noch viel zu wenig darüber informiert und gesprochen. Deshalb sind Veranstaltungen vor Ort wie "Bist Du Deutsch?" oder Ausstellungen wie sie jetzt im Theaterhaus zu sehen sind, gerade in diesem Zeitalter der Migration um so wichtiger.

 
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